adenauer-trumanWie ein Vorfahre des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss bei Weichersbach eine südamerikanische Riesenschlange erlegte

An einem Frühlingsmorgen des Jahres 1714 ging der Forstläufer Melchior Lins aus Weichersbach nach dem nahegelegenen Forst Buchhof, welcher unmittelbar an den Forst Rommersbrunn stößt. Als er sein Revier durchging und alles in Ordnung fand, frühstückte er am Rande des Waldes und bemerkte eine nahe Bewegung.

Die Bewegung kam ihm so eigentümlich vor, dass er sich vorsichtig der Stelle näherte. Was er sah, war eine große Schlange, die um einen Baum geschlungen mit beutegierigen Augen auf ihn herab blickte. Nachdem die Schlange noch einige pfeilschnelle Windungen um den Baum machte, schoss sie plötzlich wie der Blitz herab und verschwand im Dickicht des Waldes. Der Jäger durchstreifte noch bis gegen Abend sein Revier und schwor, dass sein nächster Schuss als Ziel der Kopf der Riesenschlange sein sollte.

Den anderen Tag ging der Forstläufer Lins wieder in den Forst Buchhof. Wohl ausgerüstet mit Pulver und Blei, sah er sich vorsichtig nach allen Seiten um und entdeckte weder in diesem als auch im angrenzenden Revier eine Schlange. Erst den dritten Tag hatte er das Glück, das Ungeheuer wieder zu sehen. Der Jägersmann hob rasch seine Flinte, um sie auf’s Korn zu nehmen, als die Schlange eine blitzschnelle Bewegung machte und wieder verschwand.

Erst am vierten Tag fand er die Schlange wieder, im Buchhof auf einer alten Buche. Der durch den Anblick der Schlange in außerordentliche Aufregung versetzte Jäger war plötzlich wie fest gebannt. Sein Atem stockte, seine Beine zitterten und versagten ihm beinahe den Dienst, denn in solcher Nähe hatte er sie noch nie gesehen. Er wollte sich im ersten Augenblick zurückziehen, aber er war an allen Gliedern wie gelähmt, erst nach einigen Minuten gelang es ihm aus dem Bereich der Schlange zu kommen. Er hob rasch seine Büchse, zielte nach dem Kopfe und drückte ab. In demselben Augenblick prasselte es auch schon in den Ästen und Zweigen des Baumes. Dadurch erschreckt und in der Meinung, das Tier nicht gut getroffen zu haben, glaubte er, die Schlange verfolgte ihn, und lief, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen, von dem Orte des Schreckens in vollem Lauf bis nach Weichersbach in seine Wohnung.

Dort angekommen, fiel er, den Angstschweiß auf der Stirn besinnungslos zu Boden. Alle in dem Augenblick nur vorhandenen Mittel wurden ergebnislos angewendet, um den Jäger Lins wieder ins Leben zu rufen. Noch am selben Tag beschlossen einige mutige und bewaffnete Männer von Weichersbach zum Forstort Buchhof zu gehen. Im Forst angekommen, fanden sie die Schlange am Baum hängend mit durchgeschossenem Kopf. Der Jäger Lins hatte sie also getroffen.

Die Schlange wurde nach Schwarzenfels gebracht, dort enthäutet und die Haut zum Museum in Kassel übersandt. Vor etwa hundert Jahren, wurde die Haut vermessen, sie sei 2,50 Meter lang gewesen und die Schlange ursprünglich 3,50 Meter, denn die Haut habe sich infolge der Eintrocknung stark verkürzt. Die Kugel ging etwa ½ Meter hinter dem Kopf durch den Leib. In den 1920er Jahren wurde die Schlangenhaut noch gesehen; sie sei aber bei einer Neuordnung der Museumsbestände beseitigt worden. Im Naturkundemuseum im Ottoneum in Kassel befindet sich noch ein Museumsführer aus dem Jahr 1896, darin wird die Haut einer Abgottschlange (boa constrictor L.) genannt, die bei Schwarzenfels erlegt wurde.

Wie die Schlange in jene Gegend gekommen ist, ist nicht bekannt. Vielleicht ist sie aus einem Wanderzirkus entkommen oder einem Gaukler entwichen.

Eine Tochter des Melchior Lins heiratete einen Johannes Manns aus Heubach, der in Mespelbrunn Förster war. Deren Tochter heiratete einen Förster Gümbel in Dannenfels in der Pfalz. Dies waren die Ur-Ur-Großeltern des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

Wenn sich im Laufe der Zeit auch einige Legenden um diese Geschichte gebildet haben, so scheint doch sicher zu sein, dass vor 300 Jahren ein Vorfahre des ersten Bundespräsidenten und vieler Weichersbacher eine exotische Riesenschlange im Rommertsbrunn erlegt hat.

Unser Bild oben rechts zeigt übrigens Bundeskanzler Adenauer und Bundespräsident Heuss, die sich am 7. Juni 1956 in Bonn beim damaligen US-Präsident Truman für die Hilfe in den ersten Nachkriegsjahren bedanken.

(Quelle: Wilhelm Praesent, Bergwinkel-Geschichten 1954)